Neue Synagoge – Audiodeskription
Einführung
Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße wurde zum jüdischen Neujahrsfest 1866 eingeweiht. Sie ist mit 3.200 Sitzplätzen die größte Synagoge Deutschlands.
Bis dahin gab es keine Hauptsynagoge für die stetig wachsende jüdische Gemeinde in Berlin. Vor allem fehlte ein Gotteshaus, das die Mehrheit der deutschen und Berliner Juden repräsentierte, die liberal, das heißt weder orthodox noch reformorientiert waren.
Für ihren Neubau wählte die Gemeinde bewusst die Mitte Berlins, gleichzeitig ein traditionelles jüdisches Wohngebiet. Größe, Pracht und Lage des Baus sollten deutlich machen, dass man Teil der deutschen Gesellschaft sein wollte.
An dem Wettbewerb für den Bau der Synagoge beteiligten sich nationale und internationale Architekturbüros. Da man sich auf keinen Preisträger einigen konnte, übernahm der Architekt Eduard Knoblauch, der eigentlich der Vorsitzende der Jury war, kurzerhand selbst die Aufgabe. Nach seiner Erkrankung ging die Bauleitung in die Hände seines Freundes August Stüler über.
Die von goldenen Rippen überzogene mehr als 50 Meter hohe Kuppel wurde schnell zum Wahrzeichen der Synagoge und über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt. An den Ursprung des Judentums erinnert die hebräische Inschrift über den Portalen – „Tuet auf die Pforten, dass einziehe das gerechte Volk, das bewahrt die Treue …“ – genauso wie der maurische Baustil, der vom Orient und der Alhambra im spanischen Granada inspiriert war.
Religiöse Auslegung und Praxis in der Neuen Synagoge entsprachen dem liberalen Judentum. Dazu gehörte die Benutzung der deutschen Sprache in der Liturgie, eine Orgel und ein Chor, der nicht nur aus Männern, sondern auch aus Frauen bestand. Die Frauen saßen allerdings im Gottesdienst nach wie vor von den Männern getrennt auf den Emporen.
In den 1920er-Jahren war die Berliner Jüdische Gemeinde mit 175.000 Mitgliedern eine der größten weltweit.
Anfang 1933 wurde im Nachbargebäude das Jüdische Museum Berlin eröffnet. Auch die fast 300 jüdischen Vereine und Institutionen, die es um 1930 in der Nähe der Synagoge gab, zeugten von einem reichen jüdischen Leben in der Mitte der Stadt.
Während der Novemberpogrome 1938 wurde in der Neuen Synagoge Feuer gelegt. Nur dem Eingreifen von Polizisten am Hackeschen Markt unter dem Reviervorsteher Wilhelm Krützfeld ist es zu verdanken, dass es nicht zu größeren Schäden kam.
Seit 1939 missbrauchte das „Reichssippenamt“ das im Gebäude ansässige Gesamtarchiv der deutschen Juden und die Akten der Jüdischen Gemeinde für Abstammungsprüfungen, „Ariernachweise“ oder deren Gegenteil.
Seit 1940 nutzte die Wehrmacht die Synagoge als Lagerhalle, ab 1943 die Gestapo das Nebengebäude als Gefängnis und Folterort. Im November 1943 wurde sie von Bomben getroffen.
Nach 1945 lag die Ruine der Neuen Synagoge im sowjetisch besetzten Teil Berlins. Das angrenzende Gebäude fungierte als Verwaltungssitz und Anlaufstelle der sich wieder konstituierenden Jüdischen Gemeinde, hier trafen sich Überlebende. Nach der Spaltung der Jüdischen Gemeinde in Ost und West residierte hier die kleine Ostberliner Jüdische Gemeinde.
1958 wurde der am schwersten beschädigte Synagogenhauptraum gesprengt. Die Ostberliner Jüdische Gemeinde gab dazu ihre Zustimmung, jedoch unter der Bedingung, dass die an der Straße gelegenen besser erhaltenen Gebäudeteile als Mahnmal bewahrt werden müssten.
Ab 1988 begann der Wiederaufbau des vorderen Teils der Neuen Synagoge durch die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum.
Anfang der 1990er-Jahre wurde die wieder vereinte Jüdische Gemeinde zu Berlin als Vorkriegseigentümerin wieder eingesetzt und bezog nach und nach Teile des Gebäudes.
Heute nutzt die Gemeinde den Gebäudekomplex für Veranstaltungen, Seminare, Kurse und Klubs. Außerdem sitzt hier ihre Verwaltung. Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße ist aber nicht nur ein Zentrum jüdischen Lebens in der Stadt, sondern auch ein Touristenmagnet. Viele Menschen bleiben täglich vor dem Gebäude stehen und bewundern vor allem die goldene Kuppel, die weithin leuchtet.
Audiodeskription
Die Audiodeskription beschreibt die Eingangsfassade (Südfassade) der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße.
Wir stehen auf der gegenüber liegenden Straßenseite, auf dem Abschnitt des Bürgersteigs zwischen der Monbijoustraße und der Tucholskystraße. Die Oranienburger Straße ist hier sehr schmal, und es sind viele Touristen unterwegs.
Die Südfassade ist in die Straßenflucht einbezogen, das heißt, die Nachbargebäude schließen sich unmittelbar an. Sie ist ungefähr siebzig Meter breit und fünfzig Meter hoch (inklusive der Kuppeln) Sie setzt sich zusammen aus dem ungefähr 50 Meter breiten Mittelteil mit der auf einem Tambour aufsitzenden Kuppel und zwei hervorspringenden, mit einem Metallzaun miteinander verbundenen Seitenteilen. Die Seitenteile, die jeweils etwa zehn Meter breit und mit ihren Kuppeln genauso hoch wie der Mittelteil sind, nennt man Risalite, in unserem Fall Eckrisalite.
Das Mauerwerk der Südfassade besitzt unterschiedliche Brauntöne, das sind die Farben des Orients. Neben einfachen schmucklosen Ziegeln finden wir viele für den maurischen Baustil typische Motive wie Schachbrett- und Fischgrätenmuster sowie Rundbögen, Friesen und Rauten.
Der Mittelteil besteht aus drei wesentlichen Elementen, aus dem Erdgeschoss mit den Eingangsportalen, aus dem Geschoss darüber mit drei großen Fenstern und schließlich aus dem Tambour mit der großen goldenen Kuppel darauf.
Die drei etwa drei Meter breiten und fünf Meter hohen Eingangsportale liegen unmittelbar nebeneinander. Sie haben Türen aus hellem Metall und gemauerte Rundbögen über den Türen. Die Metallfläche der Türen wird an vielen Stellen von kleinen reich verzierten Fenstern unterbrochen. Links und rechts der Türen finden wir jeweils eine glatte Säule, insgesamt also vier Säulen. Die Säulen tragen die gemauerten Rundbögen oberhalb der Türen. Die Fenster in den Rundbögen sind durch schmale Streben mehrfach geteilt.
Hier im Bereich der Eingangsportale sind auf der Fassade orientalische Motive der Alhambra, der historischen Burg im spanischen Grenada, genau nachgebildet. Über den Portalen lesen wir auf der Fassade die in der Einführung bereits erwähnte hebräische Inschrift: „Tuet auf die Pforten, dass einziehe das gerechte Volk, das bewahrt die Treue …“
Ein Sims trennt das Erdgeschoss mit den Eingangsportalen von dem Geschoss darüber. Dieses (erste) Geschoss wird von den drei etwa drei Meter breiten und sechs Meter hohen Rundbogenfenstern dominiert, die in einer vertikalen Linie mit den drei Eingangsportalen liegen. Jedes Fenster setzt sich zusammen aus sechs einzelnen schmalen Rundbogenfenstern – jeweils drei in einer Reihe – und aus drei Rosettenfenstern – zwei kleineren und einem größeren – oben im Rundbogen. Ein kunstvoll geschmückter Sims schließt das erste Geschoss ab.
Auf dem ersten Geschoss sitzt der Tambour auf: Ein zylinderförmiges, von Fenstern durchbrochenes Bauteil. Die Gestaltung mit orientalischen Motiven wie Rundbögen und Schachbrettmustern entspricht der des Mittelteils .
Das Highlight ist ohne Frage die große Kuppel auf dem Tambour, die einen Durchmesser von etwa fünf Metern besitzt. Sie ist mit einem vergoldeten Rippennetz überzogen, das ebenfalls dem maurischen Baustil entspricht. Dieses Rippennetz – und nicht die Oberfläche der Kuppel selbst, die aus dunklen Metallplatten besteht – macht es, dass die Kuppel weithin in der Sonne golden leuchtet. Gekrönt wird die Kuppel von einem vergoldeten Davidstern.
Die Fassade der Seitenteile beziehungsweise Eckrisalite weist die bereits bekannten Elemente auf: Metalltüren, Rundbögen, Säulen, Rundbogenfenster mit orientalischen Mustern und Verzierungen. Die Kuppeln krönen vergoldete Kugeln. Neben ihren Eingangsportalen hängt jeweils eine schwarze Granittafel mit Inschriften aus hellen Buchstaben. Die Inschrift der linken Tafel erinnert an die versuchte Zerstörung der Synagoge in der Kristallnacht 1938 und die Inschrift der rechten Tafel an den Beginn des Wiederaufbaus 1988.
Erwähnt sei am Schluss, dass vor der Synagoge Sperrgitter der Polizei (nicht zu verwechseln mit dem Metallzaun zwischen den Eckrisaliten) stehen und dass sie ständig von Polizisten bewacht wird.