Die Brecht Statue vor dem Berliner Ensemble

Eine komödiantische Tastführung mit Albert Greif und Ernst Czupek.

Albert Greif: Herzlich willkommen, wir freuen uns, dass Sie sich darauf einlassen wollen mit meiner Hilfe den Dichter Bertolt Brecht näher kennenzulernen. Mein Name ist Albert Greif, Literatur- und Theaterwissenschaftler. Eine historische Legende ertasten ist doch schon etwas ganz Spezielles, auch wenn es sich hier nur um eine Bronzestatue handelt.

Ernst Czupek: Herzlich willkommen auch von mir. Es ist doch eine andere Sache zu erfahren, was für eine Nase so eine Legende hatte, als nur seine Texte zu hören, wie im Fall Bertolt Brecht.

Albert Greif: Wer sind Sie denn?

Ernst Czupek: Ihr neuer Kollege werter Herr Greif. Ich werde Sie heute mit Rat und Tat unterstützen.

Albert Greif: Ach so?

Ernst Czupek: Sicher. Ich bin ein Mann der Praxis, Ernst Czupek, Leiter der bunten Bühne St. Pölten und ich inszeniere seit vielen Jahren dort die Stücke dieses legendären Dichters.

Albert Greif: Gut und schön. Nichtsdestotrotz sind es die Texte, die Brecht den Ruhm brachten und nicht seine Nase.

Ernst Czupek: Aber gerade wegen der Nase kommen die Besucher ja zu einer Tastführung. Die Texte können sie in der Bibliothek oder bei Google lesen, eine Nase anfassen kann man dort nicht!

Albert Greif: Schon gut, fangen wir also an. Die Brecht Statue nimmt etwa zwei Drittel der Bank ein und befindet sich auf der rechten Seite.

Ernst Czupek: Auf der rechten Seite der Bank, soviel Zeit muss sein, Brecht selber war ja eher links gerichtet und…

Albert Greif: Was hat das mit einer Tastführung zu tun, bitte schon`

Ernst Czupek: Informationen können nie schaden. Auch jenseits des Tastens. Der Mensch lebt mit dem Kopf, wissen Sie…

Albert Greif: Ja und der Kopf reicht ihm nicht aus. Also: die gesamte Statue ist insgesamt ungefähr 1,90 cm hoch und aus Bronze. Die Figur sitzt entspannt mit geschlossenen Augen in sich versunken auf einer Bank und ist Richtung Spree gerichtet. Die Körperhaltung drückt Bescheidenheit und eine innere Ausgeglichenheit aus.

Ernst Czupek: Das sind übrigens beides Eigenschaften für die Bertolt Brecht nicht gerade bekannt war, er war ja eher die Kerze, die von beiden Seiten brannte. Auf der anderen Seite war Brecht ein glühender und sprühender Anhänger des Arbeiter Proletariats, vielleicht soll hier also auch „Brecht als ruhender Arbeiter in der Pause“ gezeigt werden.

Albert Greif: Ob Pause oder nicht, geschaffen wurde die Denkmalanlage 1988 im Rahmen der von Peter Flierl geschaffenen Platzumgestaltung zu Brechts 90-jährigem Geburtstag von dem Bildhauer Fritz Cremer.

Ernst Czupek: Der Vizepräsident der Akademie der Künste der DDR kannte sich mit der Physiognomie Brechts übrigens bestens aus…

Albert Greif: So?

Ernst Czupek: …er hat ihm 1956 die Totenmaske abgenommen.

Albert Greif: Aha. Naja. Fangen wir mal an. Die beste Position für den Start ihrer Tasterkundung haben Sie, indem Sie mit der Rückseite beginnen.

Ernst Czupek: Sie schleichen sich also quasi von hinten an und überfallen Brecht so ruchlos wie einst sein Mackie Messer das mit der minderjährigen Witwe in der Dreigroschenoper tat.

Albert Greif: Das kann man machen, muss man aber nicht. Den breitflächigen Rücken hoch, tasten Sie sich zwischen den beiden ausgeprägten Schulterblätter nach oben. Der Weg führt sie durch eine leichte, breite Kuhle bis Sie in ungefähr 170 cm Höhe den Kragen erreichen, der an einer leichten Erhebung erkennbar ist. Brechts eher kantige Kopfform ist durch den charakteristischen sehr kurzen Haarschnitt Bertolt Brechts gut zu ertasten. Bemerkenswert sind die zwei verschiedenen Arten, die seine Frisur charakterisieren. Am Hinterkopf werden Stoppeln durch Unebenheiten im Relief angedeutet. An den Seiten und oben auf der Schädeldecke verlaufen leichten Rillen zu einer Frisur bei der alle Haare nach vorne gekämmt wurden, wie man es zum Beispiel bei den alten Statuen von Julius Cäsar kennt.

Ernst Czupek: Jaja, der Cäsar…

Albert Greif: Was?

Ernst Czupek: Es ist sehr gut möglich, dass diese Frisuren Inspiration kein Zufall war. Brecht hat 1938 und 1939 einen Roman mit dem Titel „Die Geschäfte des Julius Cäsar“ geschrieben. Dieser blieb allerdings unvollendet, es kann aber sein, dass dieses Thema ihn nie mehr losließ und in seiner Frisur landete.

Albert Greif: Wie jetzt gerade die Hände der Besucher?

Ernst Czupek: Genau.

Albert Greif: Wie dem auch sei, die Haare enden oben hoch über der Denkerstirn und an der Schläfe oberhalb der normal anliegenden Ohren. Mit der linken Hand abwärts tastend erreichen Sie über Hals und Schulter und dem faltigen Ärmel die Bank, auf der Brecht sitzt, eine glatte, waagerechte, bronzene Fläche, deren Oberfläche von Rillen durchzogen ist, welche die Holzmaserung andeuten sollen.

Ernst Czupek: Der Bildhauer Fritz Cremer war übrigens so freundlich neben Brecht eine ungefähr 30 mal 30 Zentimeter große Fläche zum dazusetzen frei zu lassen. Womit wir wieder beim ruhenden Arbeiter in der Pause sind.

Albert Greif: Die Pause ist ein wenig verfrüht. Zur weiteren Tasterkundung ist es sicher besser, Sie stellen sich vor den sitzenden Brecht und beginnen wieder mit seinem Kopf. Von der Schädeldecke tasten Sie sich über die Stirn nach unten, bis Sie die Augenbrauen, beziehungsweise die Augen berühren. Die Augen scheinen geschlossen, vielleicht blinzeln sie auch.

Ernst Czupek: Wahrscheinlich ersinnt er gerade neue Theatertexte, oder gar Thesen, oder er denkt wonnevoll an die letzte Theaterprobe zurück, wer weiß das schon. Die jungen Schauspielerinnen, die…

Albert Greif: Jaja! Sie lassen ihn in seiner Gedankenwelt und tasten sich über die gebogene Nase zum schmalen Mund. Dieser zeigt ein leichtes Lächeln. Es geht weiter bis zum Kinn.

Ernst Czupek: Brecht war gerne unrasiert, vielleicht hat er sogar den Dreitagebart erfunden.

Albert Greif: Aber davon ist an dieser Statue nichts zu ertasten, das Kinn ist glatt. Weiter unten kommen Sie zum offenen Kragen der wie bei der Rückenpartie vorhin durch eine kleine Erhebung erkennbar ist und gleiten auf die Brust. Brecht trägt einen Zweiteiler.

Ernst Czupek: Selbstverständlich trägt er seinen sogenannten Brecht Anzug, der in seiner Schlichtheit mehr mit den Anzügen chinesisch-maoistischer Revolutionäre gemein hat, als mit herkömmlichen europäischen Herrenanzügen seiner Zeit. Diese Art sich zu kleiden war übrigens in der Theaterwelt der DDR und auch jenseits der Mauer sehr beliebt, bis zum heutigen Tage eigentlich, obwohl…

Albert Greif: Modefachspezialist sind sie auch noch! Mode hin, Mode her, an dieser Statue verschmelzen die zwei Teile des Anzugs zu einer Einheit. Auch der Kragen verschmilzt so mit der Brustfläche. Nun folgen Sie dem rechten Arm über die bronzenen Stofffalten und dem Unterarm, der leicht abwärts geknickt wieder Richtung Brechts Körpermitte führt, bis Sie die Hände erreicht haben. Seine Hände liegen einander zugewandt im Schoß, berühren sich aber nicht, sondern verpassen sich um wenige Millimeter. Mit seiner linken Hand hält er seine charakteristische, hier leicht zerknautschte Kappe fest und mit der rechten Hand scheint er sie zu streichen…

Ernst Czupek: Und zwar so als ob er sie schützen müsste. Es ist wohl so, dass er dieses innig geliebte Kleidungsstück oft mal verlegte und der Hofstaat dann suchen musste. Da war was los, das kann ich ihnen sagen.

Albert Greif: Waren Sie dabei?

Ernst Czupek: Nein. Die Gnade der späten Geburt. Eigentlich schade! Allerdings angesichts der Tatsache, dass die Kappe in seinem Schoß liegt, frage ich mich doch; Muss hier sein edles Teil beruhigt werden? Brechts unzählige Affären mit seinen Schauspielerinnen und anderen Mitarbeiterinnen sind legendär.

Albert Greif: Genug der Spekulationen!

Ernst Czupek: Es kann allerdings auch sein, dass es hier um die sprichwörtliche Bescheidenheit des Arbeiters geht, der seine Mütze vor den Dienstherren absetzt, aber auf der anderen Seite ist auch hinlänglich bekannt, dass Brecht nicht viel von Dienstherren hielt.

Albert Greif: Genug der Spek…

Ernst Czupek: Najaaa, vielleicht ist es auch ganz einfach die Tatsache, dass er seine Kappe vor der wachsenden Kriminalität um den Bahnhof Friedrichstrasse schützen will, sonst landet sie womöglich noch in Peachums Abstellkammer. Natürlich macht er das äußerst unauffällig und charmant.

Albert Greif: Genug! Halten wir uns lieber an die bronzenen Fakten und betasten weiter die Hose, die wie die Arme leichte Falten wirft, den Oberschenkel entlang. So erreichen Sie eines der Knie, die 90 Grad angewinkelt sind und folgen dem Unterschenkel. Weiter unten, aber da müssen Sie sich sehr tief bücken…

Ernst Czupek: Das mag tun wer will.

Albert Greif: Kommen wir zu den Schuhen…

Ernst Czupek: Die sind in sich aber nicht so speziell. Bemerkenswert ist hier allein die leider unertastbare Tatsache, dass die Bronzehülle des rechten Fußes sehr stark abgeblättert ist, beim linken Fuß auch, aber lange nicht so stark. Sollte es so viele Leute geben, die Brecht die Füße küssen? Und warum lieber den rechten Fuß? Sicherlich nicht wegen seiner politischen Haltung. Sehr seltsam.

Albert Greif: In der Tat, sehr seltsam. Mit diesem Rätsel endet die Tastnavigation der Statue.

Ernst Czupek: Wenn Sie möchten, können sie jetzt das nette Angebot von vorhin annehmen und sich neben Brecht auf die Bank setzen.

Albert Greif: Allerdings sollte auch dem runden Podest, auf dem die Bank mit Brecht steht etwas Aufmerksamkeit gewidmet werden. Es erhebt sich in etwa zwanzig Zentimeter Höhe auf dem Bertolt-Brecht-Platz und in der Mitte befindet sich Brecht auf der Bank. Das Ganze hat nichts Heroisches. Die Rundfläche: hat etwas von einem Tablett, das ihn trägt.

Ernst Czupek: Aber, wollte er denn auch getragen werden? Vielleicht steht diese Rundfläche auch für die Theaterbühne in deren Mitte der Meister ruhig und bescheiden sitzt und die Puppen tanzen lässt. Womit wir jetzt endgültig beim ruhenden Arbeiter in der Pause angekommen sind.

Albert Greif: Und die Besucher die vorbeiziehen, rennen alle nach dem Glück

Ernst Czupek: Das Glück rennt hinterher.

Albert Greif: Genau. Wir hören uns hoffentlich demnächst bei den vier Büsten der vier Intendanten vor dem Deutschen Theater.

Ernst Czupek: Ach der Reinhardt. Wird der auch ertastet?

Albert Greif: Wird er.

Ernst Czupek: Na da schau her!  Wussten Sie übrigens, dass der Reinhardt in Baden bei Wien geboren wurde? St. Pölten liegt auch nicht so weit von Wien, aber auf der anderen Seite.

Albert Greif: Man muss nicht alles wissen. Also, auch ein weiteres mal!