Die vier Intendantenbüsten vor dem Deutschen Theater Berlin

Eine komödiantische Tastführung mit Albert Greif und Ernst Czupek.

Albert Greif: Herzlich willkommen, ich freue mich, Sie hier begrüßen zu können, um mit meiner Hilfe

Ernst Czupek: Unserer Hilfe!

Albert Greif: Gut, mit unserer Hilfe, die Köpfe vier bedeutender Leiter dieses Theater auf dessen Vorplatz wir hier stehen zu ertasten…

Ernst Czupek: …Und wissenswertes über sie zu und ihre Zeit zu erfahren.

Albert Greif: Ja. Mein Name ist Albert Greif, Literatur- und Theaterwissenschaftler.

Ernst Czupek: Habe die Ehre, gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ernst Czupek, Leiter der bunten Bühne St. Pölten.

Albert Greif: Das Deutsche Theater Berlin hatte in seiner langen Geschichte viele Theaterleiter. Vier der Bedeutendsten werden in Form von vier Büsten vor dem Ort ihres Schaffens gewürdigt. Zwei Büsten befinden sich auf der linken Seite des Vorplatzes, zwei auf der rechten Seite. Es sind Bronzeköpfe auf Steinstehlen in ca. 1,75 Meter Höhe. Auf der Steinstehle stehen unterhalb des Kopfes die Namen und Lebensdaten in eingelassener Schrift.

Ernst Czupek: Alles lässt sich leicht ertasten und so können Theaterbesucher als Zugabe oder auch als Ouvertüre den Theatermeistern längst vergangener Tage an die bronzene Nase packen.

Albert Greif: Auch das können Sie machen, wenn Sie möchten. Die Bronzeköpfe der Theaterleiter Otto Brahm, Wolfgang Langhoff und Heinz Hilpert wurden von dem Bildhauer Eberhard Bachmann geschaffen…

Ernst Czupek: … und Max Reinhardt von dem Bildhauer Wilfried Fitzenreiter

Albert Greif: Wenden wir uns der ersten Statue zu:

Wolfgang Langhoff, geboren 1901, gestorben 1966. Der Schauspieler und Regisseur war von 1946 bis 1963 Intendant des Deutschen Theaters Berlin.

Die Büste hat eine Höhe von ungefähr 1,80 Meter. Langhoff blickt geradeaus nach vorne.

Ernst Czupek: Dass er bei seinem Amtsantritt 1946 nach vorne gucken musste war klar. Das muss jeder Intendant oder Intendantin, der oder die neu anfängt, aber Langhoff natürlich ganz besonders in der legendären und für die damalige Zeit äußerst bedeutsamen Stunde null. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches musste in erster Linie neu aufgebaut und eine völlige Neuausrichtung geschaffen werden. Langhoff ist das im Gegensatz zu einigen anderen seiner Kollegen ganz hervorragend gelungen.

Albert Greif: Nachdem Sie gleich im Voraus die geschichtlichen Zusammenhänge erklärt bekommen haben stellen Sie sich bitte frontal vor die Büste und berühren das faltige Kinn.

Ernst Czupek: Faltiges Kinn? Das müssen Sie mir und den Besuchern näher erklären. Wo ist er denn faltig der Langhoff? An der Kinnspitze etwa?

Albert Greif: Nein, natürlich nicht, Herrgott! Ich meine unterhalb des Kinns!

Ernst Czupek: Warum sagen Sie das nicht gleich? Also Sie berühren das faltige UNTERkinn und arbeiten sich weiter hoch zu den schmalen Lippen,

Albert Greif: Es heißt hochtasten, nicht hocharbeiten Herr Czupek! Hocharbeiten ist etwas anderes!

Ernst Czupek: Ach so?

Albert Greif: Ja! Ach so! Wenn Sie sich in ferner Zukunft zu einem fähigen Tastführer entwickeln sollten könnte man zum Beispiel von „Hocharbeiten“ reden.

Ernst Czupek: Verstehe. Sie sind so klug, Herr Greif.

Albert Greif: Ja. Sicher. Fahren wir fort. Sie betasten die Falten um die Mundwinkel und die schmale Nase und gleiten über den geraden Nasenrücken weiter…

Ernst Czupek: Der Wolfgang Langhoff hatte vor seiner Intendanz kein einfaches Leben, er hat 13 Monate in einem Konzentrationslager verbringen müssen, bevor er emigrieren konnte.

Albert Greif: Das ist sicher richtig, aber wie kommen Sie jetzt darauf?

Ernst Czupek: Ich beziehe mich auf die Falten.

Albert Greif: Ach so. Ja… sicher. Sie verlassen jetzt die Nase, bemerken die ausgeprägten Wangenknochen und ertasten die Augen. Es sind offene Augen, sie scheinen grüblerisch, was die gerunzelte Stirn unterstreicht.

Ernst Czupek: Langhoff war ohne Zweifel ein sehr kreativer Mensch, er war übrigens nicht nur ein sehr begabter und erfolgreicher Theatermacher, er war auch der Komponist des „Moorsoldaten“ Liedes. Ein Klassiker des Widerstandes gegen die Nazi Diktatur.

Albert Greif: In der Tat. Sie berühren jetzt das volle, glatte Haar und beachten die gleichförmige Perforierung der Bronze Oberfläche. Anschließend erfassen Sie mit ihren Händen Wolfgang Langhoffs Haupthaar, wie es ordentlich nach hinten gebürstet hinten oberhalb des Halses als Fasson Schnitt endet.

Ernst Czupek: Da spricht der Fachmann, nicht wahr? Haben Sie eine Frisör Ausbildung gemacht werter Herr Greif?

Albert Greif: Ich habe einiges gemacht. Nun wenden Sie sich bitte den Ohrläppchen zu. Bemerkenswert sind die ausgeprägten unteren Ohrläppchen. Sie fühlen sich an wie Broschen.

Ernst Czupek: Wie Broschen?

Albert Greif: Wenn ich es sage.

Ernst Czupek: Interessant. Wie Broschen… Dabei sollte er doch dem Arbeiter und Bauernstaat zum Renommee‘ verhelfen. Und das mit Ohren wie Broschen… Hmmm…  Insgesamt sind die Ohrläppchen vom Langhoff schon bemerkenswert, wie überhaupt seine gesamten Ohrengebilde, aber ein Dumbo ist er nicht.

Albert Greif: Dumbo?

Ernst Czupek: Sicher. Der Elefant vom Walt Disney, der mit den großen Ohren…

Albert Greif: Ich weiß wer Dumbo ist, aber was soll denn das? Was bitte schön hat Dumbo mit dem Deutschen Theater zu tun? Wir sind hier in Berlin und nicht in einem Freizeitpark!

Ernst Czupek: Das habe ich auch nie behauptet.

Albert Greif: Nicht zu fassen ist das! Im Gegensatz zu der Max Reinhardt Büste existiert bei Wolfgang Langhoff kein Kragen. Die Büste wirkt am unteren Hals wie abgesägt. Sie können mit der Hand von hinten ins Innere fassen. Die Büste wird von einem bronzenen Sockel gehalten.

Ernst Czupek: Viel Halt hatte er in seiner Zeit als Intendant des Deutschen Theaters nicht. Obwohl er das Haus zum Schauspiel Nummer Eins im Arbeiter und Bauernstaat machte, war es nicht so, dass den DDR-Oberen gefiel, was er dort machte. Die Schwierigkeiten ließen nicht lange auf sich warten und im Jahre 1963 trat er nach andauernden Auseinandersetzungen mit der SED von seinem Amt zurück. Sehr zum Unwillen des Theaterpublikums, dem seine Arbeit sehr gefiel. Er durfte allerdings weiter inszenieren, was er bis zu seinem Tod auch tat. Sein Sohn Thomas Langhoff wurde 1990 übrigens der erste Nachwende Intendant, da staunens, gell!

Albert Greif: Ich staune nicht, ich wusste das.

Ernst Czupek: Na super, dann ist ja eine gewisse Basis an Wissen da. Mitglieder der Langhoff Dynastie sind übrigens noch immer in Berlin an vorderster Theaterfront tätig

Albert Greif: Ja, diese Kontinuität hat doch etwas Beruhigendes. Begeben wir uns jetzt zur nächsten Büste:

Ernst Czupek: Der Superstar unter unseren Büsten.

Albert Greif: Max Reinhardt, geboren 1873, gestorben 1943. Der Regisseur, Schauspieler und Theater Manager war von 1905 bis 1933 Intendant des Deutschen Theaters Berlin.

Eine lange Zeit, zweifelsohne, es wird auch gern behauptet, dass er derjenige war, der das Deutsche Theater Berlin zu dem Theater machte, das es heute ist.

Ernst Czupek: Nun ja, er ist sicher auch heute noch der wohl weltweit Bekannteste der vier Theaterleiter, deren Antlitz wir heute zu ertasten gedenken. Wenn man die gesamte deutschsprachige Theatergeschichte betrachtet, war die Ära, die dem Theater den ersten Weltruhm bescherte zweifelsohne die Ära Reinhardt. Er war derjenige, der das damalige Theater revolutioniert hat

Albert Greif: Unbestreitbar Herr Czupek, aber er hat in erster Linie die Arbeit fortgeführt, die Otto Brahm begonnen hat…

Ernst Czupek: … der ihm hier auf der anderen Seite des Platzes gegenübersteht…

Albert Greif: Genau. Die Büste Max Reinhards erreicht eine Höhe von ungefähr 1,90 Höhe. Der Kopf ist leicht erhoben, so als wolle er den Überblick behalten.

Ernst Czupek: Das musste er auch, er herrschte ja quasi über ein ganzes Theater Imperium, ein Reich, in dem die Sonne niemals unterging.

Albert Greif: Nicht so dicke, Herr Czupek, ich muss doch sehr bitten.

Ernst Czupek: Ich bitte Sie Herr Greif! Er leitete neben seiner Arbeit am Deutschen Theater viele andere Theater in Wien und in Berlin und hat auch Theaterfestivals gegründet, zum Beispiel die Salzburger Festspiele. Der Mann war schon sehr umtriebig.

Albert Greif: Das ist unbestritten. Sie beginnen die Tast-Erkundung frontal vor der Büste und berühren die bronzene Brust. Mitten auf dieser Brust, befindet sich unterhalb des Kragens eine Fliege. Links und rechts davon befindet sich der Kragen, der sich hinten den Nacken entlang um die Büste zieht.

Ernst Czupek: Sie können sich die Freiheit nehmen und das Genie dort umarmen.

Albert Greif: Oder Sie tasten sich über das Kinn wenige Zentimeter nach oben, bis zu seinem geschlossenen Mund, der von vollen Lippen umrahmt wird. Wieder wenige Zentimeter höher befindet sich die eher breite, leicht nach oben gerichtete Nase. Bemerkenswert sind die ausgeprägten Nasenlöcher, die sich eher länglich in Richtung Wangenknochen ziehen.

Ernst Czupek: Diese Nasenlöcher haben etwas von einem startenden Flugzeug finde ich.

Albert Greif: Wie bitte?

Ernst Czupek: Ja oder von dem Logo einer Fluggesellschaft, das sich auf startende Flugzeuge bezieht. Der Mann war ja ein Durchstarter. Von Wiener Neustadt in die ganze Welt!

Albert Greif: Wunderbar, dass Sie gleich mit abheben Herr Czupek, aber ich möchte Sie doch bitten mit den Füßen am Boden zu bleiben.

Ernst Czupek: Ich bitte Sie Herr Greif! Theater verleiht doch bekanntlich Flüüüüügel!

Albert Greif: Dann fliegen Sie doch von Wiener Neustadt in ihr geliebtes St. Pölten und bleiben gleich da!

Ernst Czupek: Von Wiener Neustadt in mein geliebtes St. Pölten fliege ich nicht, da fahre ich mit dem Zug. Von Klimaschutz haben Sie wohl noch nichts gehört.

Albert Greif: Jetzt werden Sie nicht albern! Zurück zur Sachlichkeit meine lieben Zuhörer! Sie tasten sich weiter hoch, aber nicht über die ganze Welt, sondern über den langen, gebogenen Nasenrücken und erreichen links und rechts davon die offenen Augen, die einen kritischen Blick verraten. Die gehobenen Augenbrauen unterstreichen das.

Ernst Czupek: Das waren die Augen, welche die legendäre Berliner Theaterwelt in den goldenen Zwanzigern prägten und auch bestimmten, das muss man mal ganz ehrlich sagen und es waren nicht die schlechtesten Jahre für das Berliner Theater.

Albert Greif: Sicher nicht. Wenn sie mit ihren Händen über die bronzene Gesichtshaut zu den Seiten oder nach oben streichen, erreichen Sie das nach hinten gekämmte volle, lockige Haar, welches Sie an der Unebenheit der Bronzefläche erkennen werden. An der Seite befinden sich Koteletten, welche die Ohren vorne umrahmen. Die Ohrläppchen sind anliegend und heben sich leicht von den Wellenförmigen Haaren ab.

Ernst Czupek: Wellenförmig, das ist ein gutes Wort um Max Reinhardts Leben und Wirken zu beschreiben. Das verlief ja alles wie eine stürmische See. Er segelte oder glitt auf und ab.

Albert Greif: Ja, wenn man nicht nur über seine Zeit am Deutschen Theater nachdenkt, sondern auch an das, was danach kam…

Ernst Czupek: Genau. Wir sollten nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass der Reinhardt der Einzige der hier verbüsteten vier Intendanten war, dessen Wirken an diesem Haus durch politische Umbrüche jäh beendet wurde.

Albert Greif: Das haben Sie aber sehr eindrucksvoll beschrieben.

Ernst Czupek: Ja, er wurde von den Nazis davon gejagt. Danach wurde es dann auch ruhiger und das Deutsche Theater machte seinem Namen alle Ehre, es wurde sehr Deutsch, zu Deutsch. Allerdings überstand es die dunkle Zeit etwas besser als die anderen großen Berliner Sprechbühnen, es wurde nicht ganz so linientreu geführt. Doch dazu mehr bei einer der nächsten Büsten.  Aber zurück zu Max Reinhardt, auch nach seiner Flucht vor den Nazis hat er in den USA, sowohl am Broadway, als auch in Hollywood Erfolge feiern können. Es gibt sogar einen legendären Film von ihm, basierend auf seiner Inszenierung von Shakespeares Sommernachtstraums.

Albert Greif: Das ist richtig, aber jetzt gehen wir weiter zur nächsten Büste.

Otto Brahm, geboren 1856, gestorben 1912. Der Theaterkritiker und Regisseur war von 1894 bis 1905 Intendant des Deutschen Theaters Berlin.

Wie bei Max Reinhardt erreicht diese Büste ebenfalls eine Höhe von 1,90 Meter. Bei Otto Brahm können die Besucher im Gegensatz zu den beiden Büsten auf der anderen Seite des Platzes eher den Eindruck kriegen, dass der Blick nach innen gewandt ist. Die Büste steht auf einem massiven Bronzesockel.

Ernst Czupek: Sicherlich. Der Otto Brahm hat eigentlich damals das Theater neu erfunden, er war ja auch derjenige, der quasi das Deutsche Theater und somit einen wichtigen Aspekt der heutigen Art Theater zu spielen aus der Taufe hob. Weg vom Pathos, hin zum Naturalismus. Das hat sich der Brahm ausgedacht. Vorher haben sie auf der Bühne und getönt und geknattert bis die Schwarte kracht, unter Brahm wurde das alles anders.

Albert Greif: Leider scheint diese Kunde ja bis zu ihnen noch nicht ganz durchgedrungen zu sein Herr Czupek!

Ernst Czupek: Wie meinen Sie das, Herr Greif?

Albert Greif: Soweit ich weiß wird an ihrer Bunten Bühne in St. Pölten noch Prä-Brahmisch gespielt.

Ernst Czupek: Was Sie nicht alles wissen wollen, Herr Greif.

Albert Greif: Wissen oder nicht wissen, es wird jetzt aber mal langsam Zeit, nun dem Herrn Brahm selber mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Sie stellen sich auch hier frontal vor die Statue. Am untersten Teil der Büste befindet sich der obere Teil eines Schlipses. Links und rechts zwei Kuhlen, die wohl das Hemd andeuten, dann die beiden Mantelkragen, der sich um den Nacken herum zieht. Oberhalb des Schlipsknoten fühlt es sich wie eine Fliege an, dürfte aber ein Hemdkragen sein. Dieser Kragen zieht sich oberhalb des Mantelkragens um den ganzen Nacken.

Ernst Czupek: Diese Art sich zu kleiden war anscheinend Mode zu Lebzeiten Brahms.

Albert Greif: Danke für diesen konstruktiven Beitrag Herr Czupek!

Ernst Czupek: Bitte gerne, Herr Greif.

Albert Greif: Sie berühren jetzt vorne das fliehende Doppelkinn, tasten sich hoch zum Mund, bemerken die vollen Lippen und noch etwas weiter die Nase,…

Ernst Czupek: Die durchaus als leichte Knollnase bezeichnet werden kann.

Albert Greif: Da spricht der Fachmann. Wenn Sie jetzt ihre Hände von der von unserem Herrn Czupek favorisierten Knolle hinunterbewegen stoßen sie in beide Nasenlöcher, die beide ziemlich groß ausgefallen sind.

Ernst Czupek: Ja geh, der hatte aber große Nasenlöcher, der Otto Brahm, die möchte man ja fast gigantisch nennen! Da kann der Reinhardt mit seinen startenden Flugzeugen aber nicht mithalten.

Albert Greif: Nasenlöcher sind kein Kriterium.

Ernst Czupek: Beim Tasten schon! Was wären wir da ohne die Anatomie? Außerdem sind die Nasenlöcher vom Brahm auf den Fotos, die es von ihm gibt lange nicht so groß wie die an der Büste hier. Was hat sich der Bildhauer dabei gedacht, hatte er vielleicht nicht genug Material?

Albert Greif: Nennen wir das mal künstlerische Freiheit. Verlassen wir die Nasenlöcher und schwingen unsere Finger aufwärts auf den gebogenen Nasenrücken, folgen ihm bis zu den eher tiefen Augenhöhlen und berühren die offenen Augen. All das macht im Verbund mit dem Mund den Eindruck einer in sich ruhenden Souveränität.

Ernst Czupek: Otto Brahm wusste schon was gut war, er war es übrigens auch, der dem Max Reinhardt sein erstes Engagement am Deutschen Theater bescherte, 1905 und noch als Schauspieler.

Albert Greif: Ja, es gibt da eine direkte Linie. Sie bewegen sich jetzt über die hohe, glatte Stirn bis zum Haaransatz ganz oben. Hier folgen Sie dem nach hinten bis in den Nacken gekämmten schütteren Haar, das durch lange schmale Rillen gut ertastbar ist. An den Seiten fassen Sie an die großen Ohren, die leicht abstehend sind.

Ernst Czupek: Was natürlich hervorragend zu der Knollnase und den monumentalen Nasenlöchern passt.

Albert Greif: Das haben Sie gesagt, Herr Czupek. Gibt es noch irgendeine Geschichte die die Zuhörer wissen sollten?

Ernst Czupek: Sicher. Die tragische Tatsache, dass er ganz plötzlich und unerwartet an den Folgen einer Operation starb, die genau während einer Premiere in diesem Theater stattfand.

Albert Greif: Also quasi doch ein Theatertod.

Ernst Czupek: Lassen Sie uns ein paar Schritte zur nächsten und letzten Büste machen, damit wir uns noch versichern können, dass wir am Leben sind.

Albert Greif: Sehr witzig Herr Czupek!

Heinz Hilpert, geboren 1890, gestorben 1967. Der Schauspieler und Regisseur war von 1934 bis 1944 Intendant des Deutschen Theaters Berlin.

Ernst Czupek: Er hatte vielleicht die merkwürdigste Intendanz der vier hier verbüsteten Theaterdirektoren. Hilpert wurde von Max Reinhardt eingesetzt und blieb ihm auch treu, nachdem Reinhardt fliehen musste und sie kommunizierten auch weiterhin.

Albert Greif: Es war keine auffällige Intendanz, für das DT sogar eher still. Also, Sie stellen sich, wie bei seinen Kollegen frontal vor die Büste und berühren die breite Brust.

Ernst Czupek: Eine breite Brust brauchte der Hilpert auch. Es wird auch angenommen, dass er derjenige unter den Berliner Intendanten war, der während der NS Zeit am meisten für Verfolgte tat.

Albert Greif: Das ist richtig, aber kehren wir von seiner realen sprichwörtlich breiten Brust zu der bronzenen breiten Brust zurück. In der Mitte berühren Sie den angedeuteten schmalen Kragen. Wenn Sie ihre Hände weiter nach oben bewegen, stoßen Sie auf den breiteren Hemdkragen, der sich um den ganzen Hals zieht.

Ernst Czupek: Die Zeit, in der Heinz Hilpert dieses stolze Haus leitete, konnte sich einem auch wirklich um dem Hals ziehen, einem gar zuschnüren, oft endgültig.

Albert Greif: Oberhalb des Hemdkragens stoßen Sie auf das Doppelkinn und etwas weiter aufwärts auf die sehr schmalen Lippen…

Ernst Czupek: Im Gegensatz zu Max Reinhardt und Otto Brahm wirklich sehr schmale Lippen. Langhoffs Lippen haben eher Durchschnittsmaße.

Albert Greif: Äh…ja. Dann mache ich hier mal weiter und Sie können derweil ja die einzelnen Nasenmaße ausmessen, Herr Czupek. Heinz Hilpert hier hat zum Beispiel eine schmale Nase.

Ernst Czupek: Passend zu den schmalen Lippen.

Albert Greif: Sie müssen wohl immer das letzte Worte haben! Gut. Bemerkenswert sind hier die Gesichtsfalten, vor allem die seitwärts der Nase unterhalb der Wangenknochen, die hier, auch bedingt durch die Gesichtsfalten geradezu etwas von einem Hubbel haben. Der gerade Nasenrücken erhebt sich wie ein symmetrischer Fixpunkt in dieser unebenen Gesichtslandschaft.

Ernst Czupek: Famos! Ich stehe still vor dieser geballten Ladung Poesie.

Albert Greif: Sehr gut, stehen Sie und vor allem seien Sie still! Aber wenden wir uns seinen Augen zu, leicht zusammen gekniffene Augen, die wirken als traue er dem Allen nicht so ganz. Und jetzt sind Sie dran Kollege Czupek!

Ernst Czupek: Sie glauben also, dass ich mich beim Thema „Misstrauen“ gut auskenne, Herr Greif?

Albert Greif: Ich habe nichts gesagt.

Ernst Czupek: Heinz Hilperts Misstrauen war jedenfalls arg berechtigt.  Das bezog sich aber nicht nur auf die herrschende politische Klasse und deren Helfershelfer, das betraf auch die Leiter der drei großen Konkurrenzbühnen.

Albert Greif: So?

Ernst Czupek: Aber sicher! Schauens, am Schauspielhaus am Gendarmenmarkt residierte der Gründgens, der es zwar später hervorragend verstand sich zum Widerständler zu stilisieren, aber ob er das wirklich war, wusste nur er selber. Am Schillertheater war es Heinrich George, dem man nur Komplimente machen musste, dann hatte man ihn in der Tasche und das taten die Nazis, an der Volksbühne regierte der Schauspieler Eugen Klöpfer, ein früher Sympathisant der Bewegung und dann natürlich auch Parteimitglied.

Von Hilperts Intendanz dagegen ist in dieser Hinsicht nichts Negatives zu hören.

Albert Greif: Das ist auch sicher ein Grund, warum hier seine Büste steht. Über den soeben erläuterten misstrauischen Augen erhebt sich eine hohe gewölbte Stirn.

Ernst Czupek: Gewölbt ist gut, das ist das reinste Gebirge.

Albert Greif: Hoch gewölbt ist sicher richtig Herr Czupek, aber ihre alpine Problematik findet hier keinen Raum. Also hinter dem Gebirge finden sie volles, lockiges Haar, welches nach hinten gekämmt ist…

Ernst Czupek: …Und sich im Nacken in eine Art Entenbürzel ergießt.

Albert Greif: Entenbürzel?

Ernst Czupek: Tschuldigens, ich wollt auch mal poetisch sein…

Albert Greif: Von mir aus. An den Seiten befinden sich die eng anliegenden Ohren, nach oben hin fast in den Haarschopf integriert. Die Büste befindet sich auf hinten offenem schmalem Sockel. So viel zu Heinz Hilpert.

Ernst Czupek: Wir müssen noch ein paar Worte zu seinem weiteren Werdegang sagen…

Albert Greif: Wenn Sie meinen…

Ernst Czupek: Der ist nämlich nicht uninteressant.  Nachdem er 1945 seinen Posten räumen musste, bekam er nach Zwischenstationen in Zürich und in Frankfurt am Main aber ein neues Deutsches Theater zur Leitung und zwar in Göttingen.

Albert Greif: Das ist ja auch sehr schön.

Ernst Czupek: Das dortige Stadttheater wurde in Deutsches Theater Göttingen umbenannt, als er von Berlin kam.

Albert Greif: Ach!

Ernst Czupek: Das leitete er dann bis zu seinem Tod. Allerdings ist Göttingen nicht Berlin.

Albert Greif: Nein.

Ernst Czupek: Und in Lünen, Westfalen gibt es ein Heinz-Hilpert-Theater.

Albert Greif: Ach was!

Ernst Czupek: Ja, dieser doch eher ‚stille Intendant‘ hat seine Spuren hinterlassen, mehr als so mancher vermutet.

Albert Greif: Das haben Sie schön gesagt Herr Czupek!

Ernst Czupek: Dankschön Herr Greif!

Albert Greif: Und hier beenden wir unsere Tast Reise zu vier der bedeutensten Theaterleiter dieses Landes…

Ernst Czupek: … die darüber hinaus auch Leiter dieses ehrwürdigen Hauses waren. Wir hoffen, dass es ihnen eine Freude war mit diesen legendären Persönlichkeiten auf Tuchfühlung zu gehen…

Albert Greif: … und dabei manch Wissenswertes zu erfahren.

Ernst Czupek: Auf Wiederschaun, bappa!

Albert Greif: Auf Wiedersehen.